Knistern der Zeit

Remdoogo
Ein Operndorf zu bauen, das ist das letzte Projekt von Christoph Schlingensief. Er hat es im Mai 2009 begonnen, nach der Heilung seiner ersten Erkrankung an Lungenkrebs. Der Ort sollte in Afrika sein. Die Journalistin Sybille Dahrendorf, die schon vorher Fernsehbeiträge über Schlingensief gemacht hatte, war von Beginn an und bei jeder Reise nach Afrika mit dabei. So konnte sie schon die Suche nach einem geeigneten Standort dokumentieren, und das Glück, auf einer einsam gelegenen Anhöhe 40 km außerhalb von der Hauptstadt Ouagadougou in Burkina Faso einen passenden Platz gefunden zu haben. Es folgen die Planungen, die Grundstein-Legung, die gedehnte Zeit, bis die ersten Häuser sichtbar sind. Es sollte ein Film darüber werden, wie Schlingensief der Krankheit mit Kunst begegnet, wie man durch Kunst geheilt werden kann. Davon handelt der Film, und auch davon, dass die Kunst heilt, und doch die Krankheit gewinnt. Im August 2010 stirbt Christoph Schlingensief. Die Arbeiten stehen still. Ein halbes Jahr später werden sie wieder aufgenommen. Aino Laberenz, Schlingensiefs Frau, führt das Projekt fort. Im Film wird sie eingeführt, als sie bei der Eröffnung des Schulgebäudes im Oktober 2011 die Rede hält.

Steadycam und Wackelkamera 
Dahrendorf verwendet für ihren Film „Knistern der Zeit“ hauptsächlich ihr eigenes professionelles Filmmaterial. Aber sie konnte auch Sequenzen von Schlingensiefs Filmaufnahmen integrieren – Selbstportraits, Schwenks über die weite Landschaft oder eine lange, wackelige Kamerafahrt aus dem Auto. Da ist diese Szene, das Zentrum des Films, vielleicht ein Zentrum von Schlingensiefs Kunst: mitten in Burkina Faso auf staubiger Piste filmt er eine Kolonne von LKWs mit Übersee-Containern drauf. Darin eine komplette Theaterbühne, die Keimzelle des zukünftigen Operndorfes. Und plötzlich das Fragment eines Autobahnkreuzes, die Kolonne geht in die Kurve, alle LKWs mit ihren Containern schleifen vor dem dahinter fahrenden Begleitfahrzeug in die Rechtskurve. Schlingensief kommentiert die Szene, er weiß, was er da vor sich sieht. Es ist Spiral Jetty, es ist Fitzcaraldo, es ist situationistische Praxis. Mehr geht kaum.

Der rüttelte immer alles
Das Medium Film war für Schlingensief zuletzt ein Mittel unter vielen geworden. Er hat es in seine Installationen, seine Inszenierungen eingebaut. Aber das Medium als solches schien ihn einzuengen. Sein letzter Film „The African Twintowers“ blieb Fragment.
Er war nicht der Künstler, der leicht in Kategorien einzuordnen ist. Es gibt Zuschreibungen, er sei ein Film-, Theater- und Opernregisseur, Autor, Aktionskünstler und Talkmaster. Er hat mit den Kunstsparten gearbeitet, und gleichzeitig dagegen angespielt. Der Architekt des Operndorfs Diébédo Francis Keré, neben Aino Laberenz der wichtigste Protagonist des Projekts, formuliert das zu Beginn des Films so: „Der rüttelte alles immer. Er rüttelte, er musste alles verrühren…. Ja, das war Christoph.“
Der Film zeigt einen Großteil von Schlingensiefs Facetten. Er ist ein zentrales Dokument über das Operndorf-Projekt. Und zugleich läßt einen das Gefühl nicht los, dass da noch mehr ist.
Vielleicht ist es das Wissen, dass es bei Schlingensief immer ein Weiterarbeiten gab, das einen unruhig macht. Man möchte die Fortsetzung erleben, man möchte mehr, man möchte das komplette Rohmaterial sehen. (Nikolai von Rosen, Barbara Schindler)

Knistern der Zeit. Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso. Ein Film von Sibylle Dahrendorf mit Christoph Schlingensief, Diébédo Francis Kéré, Aino Laberenz, dem Via Intolleranza – Ensemble und anderen Mitstreitern.


Der bundesweite Kinostart am 7. Juni 2012 wird von einer Theatertour mit Sibylle Dahrendorf (Aino Laberenz, Diébédo Francis Kéré u.a.) in folgenden Städten begleitet, in welchen der Film am darauf folgenden Donnerstag startet:
Kampnagel Hamburg, 2. Juni
Theater Freiburg, 3. Juni
Schauspiel Leipzig, 6. Juni
Theaterhaus Stuttgart, 10. Juni
Kammerspiele München, 11. Juni
Schauspielhaus Bochum, 12. Juni
Staatsschauspiel Dresden, 15. Juni
Theater Bonn, 20. Juni


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3 Kommentare
  1. Das Operndorf interessiert nur das deutsche Feuilleton. Wie soll „Oper“, die in Afrika keine Tradition hat , von Afrikanern mit Leben erfüllt werden? Die Idee eines Festspielhauses, etwa dreißig Kilometer östlich der Hauptstadt Ouagadougou zeugt von totaler Ignoranz
    gegenüber den Menschen in Burkina Faso. Afrikaner brauchen alles andere als eine derartige Inszenierung. Viel wichtiger als dieser seltsame Kulturexport wäre es, den Afrikanern zu helfen, dass sie ihre eigene Kultur wertschätzen. Viele Afrikaner sehen keinen Nutzen in Kunstwerken. In keinem afrikanischen Land gibt es eine Kulturpolitik und auch keine gemeinsame kulturelle Ausdrucksform. Ein afrikanischer Künstler braucht für seine Anerkennung noch den Erfolg in Europa. Schlingensief hatte die Gewissheit das Leben zu verlieren und suchte sich ein exzentrisches Denkmal zu setzen. Was bedeutet diese Luftspiegelung des deutschen Kulturbetriebs für Afrika? Die Arbeiter haben das Projekt begrüßt, weil es ihnen Arbeit brachte. Jeder ist willkommen, der Geld mitbringt und die Lebensumstände wenigstens für kurze Zeit verbessern hilft. Aber das Projekt, auch die Schule wird nicht lebensfähig sein ohne die breite Unterstützung der Burkinabe sowie Geldstrom aus Deutschland. Es ist zu fürchten, dass durch diese neokoloniale Peinlichkeit der naiven Afrikahelfer noch hohe Kosten auf den deutschen Steuerzahler zukommen. Sinnvoller wäre es diese Gelder direkt in Ausbildungsstätten zu stecken, die vom dortigen Staat und der Bevölkerung gewollt, unterstützt und damit lebensfähig sind. Volker Seitz, Autor „Afrika wird armregiert“

    • barbaraschindler sagte:

      Vielen Dank für Ihren Kommentar. Das Operndorf ist vor allem ein Kunstprojekt; ein Kunstprojekt, das zugleich in der Lebenswelt Bestand haben soll. Christoph Schlingensief hat bei vielen seiner Projekte den Kunst- oder Theaterraum verlassen. In seinen Arbeiten kommt es darum oft zu semantischen Verdichtungen und Konfusionen mit der Umwelt, zu intensiver, situationistischer Aktion. Gerade das ist für rhizom blog von besonderem Interesse: wenn sich Dinge unmittelbar zeigen.

      Wovon handelt ein Kunstwerk? Es bezieht sich zumeist auf die Frage der Repräsentation, also wie wir in der Gesellschaft Dinge verhandeln. Dafür bekommt es Aufmerksamkeit, darin ist es erstmal ein Wagnis und auch ein Ärgernis, da es nicht in vorgefertigten Kategorien daher kommt, sondern immer aufs Neue Bewertungskriterien vom Publikum einfordert.

      Was das betrifft, ist das Operndorf eine Herausforderung. Im Film gibt es eine Passage mit Schlingensief, wo er die Frage der Kriterien vorwegnimmt. Für ihn ist klar, dass das Kunstprojekt nur dann lebt, wenn das Operndorf als Lebensraum eine eigene Identität hat. Der Film dokumentiert in dem Zusammenhang die Entstehungsgeschichte bisheriger Gebäude, die vom burkinischen Architekten Francis Keré entwickelt wurden. Er versteht es in seinen Arbeiten, die Ausbildung an der Berliner TU mit den klimatischen und materiellen Bedingungen in Afrika in ein Verhältnis zu bringen. Beispielsweise hat er mechanische Kühlsysteme in Form von innovativen und zugleich technisch einfachen Dachkonstruktionen entwickelt. Es ist dadurch den Kindern möglich, bei Außentemperaturen von über 40 Grad in 25 Grad temperierten Klassenzimmern zu sitzen. Diese Bauweise hat er erstmals in einer Schule in Gando und Dando angewandt, wo mittlerweile 700 Kinder unterrichtet werden. Deshalb und auch wegen seiner konkreten Kenntnis der Situation in Burkina Faso ist Kerés Bedeutung für das Projekt sehr groß, drum gibt ihm Sybille Dahrendorf auch viel Raum in dem Film.

      Durch den Tod von Christoph Schlingensief hat sich sicherlich die Situation verändert. Das Operndorf ist ein Kunstprojekt, das aber vom Ideen gebenden Künstler nicht mehr weiter betreut, interpretiert und vermittelt werden kann. Für Aussenstehende wächst dadurch die Versuchung und der Druck, das Projekt als eine Form der Entwicklungshilfe zu sehen. Dem Druck widersteht Aino Laberenz. Genau das wird von der Kunstwelt honoriert, was sich an dem immensen Versteigerungserfolg vor kurzem zeigte (www.auktion3000.com). Das Operndorf wird sich gerade dann als die richtigere Form der Einmischung erweisen, wenn der Kunstcharakter klar erkennbar bleibt. Darin ist es auch eine immanente Kritik an Formen der Entwicklungshilfe, von denen Sie sich ausführlich in Ihrem Buch distanzieren.

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