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Archiv für den Monat Juni 2012

Berlin, Juni 2012. Die Humboldt-Box wird mit Beton aufgefüllt. rhizom blog wünscht gutes Gelingen und ist zuversichtlich, dass der Beton, der bei normalen Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen in ca. 28 Tagen die Normfestigkeit erreicht hat, nach der Sommerpause getrocknet ist. Dann kann die Fassade der Humboldt-Box abgeschlagen werden. War doch eh nur temporär.

Ungefähr die gleiche Menge Theater, die Frank Castorf im Laufe der vergangenen Jahre an Text- und Stundenmaterial aus Dostojewski-Romanen herausgesaugt und in die Theaterwelt geschickt hat, packt Matthias Lilienthal aka HAU jetzt in eine einzige Aufführung: 24 Stunden dauert die Inszenierung des Romans „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace.

Doch 24 Stunden sind kein Tag. Die Struktur eines Tages wird zerdehnt. Die Dramaturgie Dostojewskis weicht dem Dauerzustand bei Foster Wallace.

 Aus dem 1.545-seitigen Roman (inklusive Anmerkungen und Errata) haben die Dramaturginnen Kathrin Veser und Johanna Höhmann einige Schnipsel herausgeschnitten und diese dreizehn verschiedenen Regisseuren, Schauspielern, Videokünstlern, Choreografen, Performancegruppen, Musiker u. a. zur Bearbeitung überlassen. Die raumlabor-Experten haben acht moderne Ruinen des alten West-Berlin ausgewählt und zu Spielstätten verwandelt. Für das Dazwischen wurden historische Doppeldeckerbusse der BVG rekrutiert. Vollbesetzt fahren sie vierundzwanzig Stunden (von 9.30 bis 9.30 Uhr) durch die Stadt an eben jene Orte einer utopischen Vergangenheit. Der Tennisverein, die Spionageanlage, die Großküche, der Umlauftank, das Kulturzentrum, der Saloon, das Finanzamt. Als letztes landet man wieder im Theater, im HAU1. Hier wird nicht mehr gespielt, hier wird nur mehr vorgelesen. Nach 21 Stunden Aufführung  die ultimative Steigerung des Theatralischen. Hier platzt das Hirn.

Diese Möglichkeit, den Überroman auf die Bühne zu bringen (für den zwischenrein per Skype zugeschalteten „Infinite Jest“-Übersetzer Ulrich Blumbach die einzig adäquate), wird die neue Referenz eines entgrenzten Theaters werden. Sie lässt den Zuschauer körperlich zertrümmert zurück. Aber mit dem sicheren Gefühl, einer Klassenfahrt der S-Klasse beigewohnt zu sein, dem Rausch einer durch das Theater entgrenzten Wirklichkeitserfahrung. Eine Skizze für ein zukünftiges DFW-Festival.

Die Goldene Palme, die Berlinale, zum Greifen nah. Alle Zeichen sprechen für einen 3D-Film, eine Dokumentation. So wie es Wenders und Herzog vorgemacht haben. Japanische Aktivisten verschaffen sich zutritt zu Pavillon F, dem havarierten Reaktor in Fukushima. Sie erzeugen ungeahnte Bilder. Sie lassen Unsichtbares sichtbar werden. Und sie werden fündig: eine Zeitkapsel, die bei der Weltausstellung in Osaka versteckt wurde, taucht auf. Nicht nach 5000 Jahren, wie beabsichtigt, sondern heute. Zu sehen in Berlin, bei der Weltausstellung auf der Tempelhofer Freiheit: The World Is Not Fair.