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Archiv für den Monat März 2013

Zeitgenössische Festivals für Theater, Kunst, Performance, Tanz reflektieren das, was uns alle beschäftigt, nämlich die Bereitschaft, Paradigmenwechsel des Selbstverständnisses als Handlungen weiter zu denken. Zur Sichtbarmachung dieser komplexen Zusammenhänge bitten die künstlerischen Leiter meist Architekten, ein entsprechendes Bild zu schaffen, damit auf einen Blick klar wird, was auf den Bühnen Thema ist.

Im letzten Herbst fanden zwei Festivals sehr ähnliche Bildmotive bzw. Architekturmodelle. Sowohl in Graz beim steirischen herbst als auch in Berlin (Foreign Affairs) wurden Häuser gebaut, deren Baumaterial recycelt war und zum überwiegenden Teil aus alten, ausrangierten Fensterrahmen inkl. Gläsern bestand, die wiederum zu Bausteinen für ein neues Gebäude wurden. Die Verantwortlichen waren Kyohei Sakaguchi (Berlin) und raumlabor (Graz).

Das mehrstöckige Grazer Haus wickelte sich um ein Baugerüst herum, in Berlin blieb man ebenerdig, rollbar und um einen alten Baum herumgebaut. In beiden konnte gewohnt werden – das steirische Camp diente für eine Woche als Marathonformat den vielen Beteiligten als Denk-, Schlaf- und Wohnmaschine, der im Berliner Häuschen campierende Künstler spielte von 11 bis 23 Uhr live Klavier, den Rest der Zeit konnte er dort schlafen.

Mobile House  Anke Schuettler

Die für Foreign Affairs errichtete fünfteilige Wohneinheit aus Sperrholz mit Geschichte ist Sinnbild für die mobile, global-aktive Gesellschaft. „Wenn wir über Architektur reden wollen, sollten wir vorher eine Camp-Situation erlebt haben – ohne Dach, ohne Wände“. Ausgehend von dieser Idee des Recyclings, für das Kyohei Sakaguchi viele Häuser von Obdachlosen (Zero Yen Houses) in Japan in den 2000-Jahren untersucht hat, entwickelte er auch in Berlin das Prinzip der Beweglichkeit weiter.

Der steirische herbst erklärte die Architektur für das Festivalzentrum so: „Bauen in einer Zeit, in der das Erdzeitalter des Holozän längst vom menschengemachten Anthropozän abgelöst ist, da die Sedimente unseres Zivilisationsmülls die der Natur um ein Vielfaches übersteigen, heißt für raumlaborberlin, mit Materialien zu bauen, die nicht neu produziert werden müssen. Mit Material, das zur Wiederverwendung gedacht ist, oder mit Dingen, die am Ende ihres Verwertungszyklus angekommen sind. Bauen für Inhalte.“

(Fast) Am Ende des Verwertungszyklus war dann auch dieser Ochse, den raumlabor für das Anthropozän-Projekt am Haus der Kulturen der Welt inszenierte und der ein perfektes Bild abgab:

Ochse_raumlabor J.Häntzschel

Zur Versinnbildlichung der These, dass der Mensch endgültig Chef über die Natur geworden ist, hatten sie einen ganzen Ochsen verwendet: weit entfernt vom hungrigen Festivalbesucher wurde er über dem Spieß gebraten, um nach einer Stunde der Verarbeitung erkaltet, püriert und im Glas verpackt beim Gast anzukommen. Der stellte das Fleisch im Glas in die Mikrowelle, die es zum endlichen Verzehr mit Messer und Gabel wieder erwärmte. Das Verhältnis vom Mensch zum Tier erscheint als Schleife der Entbildlichung. Daraus drängt sich heute die Konsequenz auf, kein Fleisch zu essen.

Das ist schon mal ein Schritt. Welche weiteren Konsequenzen aus den Festival-Bildern zum Thema Ressourcenknappheit, alternative Lebenskonzepte, Globalisierung oder ökologischer Fußabdruck resultieren, darüber könnte man eine Besucherumfrage starten. Vielleicht beim nächsten Festival. Foreign Affairs geht ja bald in die 2. Runde. Und Harald Welzer kommt hoffentlich ein 2. Mal.

Wird ein Plastikeimer mit viel Blechbesteck ordentlich geschüttelt, dann macht das Krach. Stampft man fest auf den Boden und atmet dazu schwer, ist sofort klar, dass es jemand eilig hat. Fallen dazu Schüsse und ertönt das quietschende Geräusch eines sich entleerenden Luftballons, dann ist endlich klar, dass es sich um eine Verfolgungsjagd handelt.

Radau (c)Christian Brachwitz

Radau (c)Christian Brachwitz

Das alles hört man – man kann es aber auch sehen! Und so sind alle 90 Augenpaare im ausverkauften Theater an der Parkaue geöffnet und sehen neugierig auf die gelungene Bühnenadaption eines Hörstücks von Walter Benjamin – mit falschen Hunden und echten Schauspielern, die richtig Krach und Geräusche machen, eben Radau!

„Radau um Kasperl“ hieß das Hörspiel von Benjamin aus dem Jahr 1932, das einzige, von dem noch Tonfragmente erhalten sind.  Es geht um Kasperl, der von seiner Frau Puschi im frühen, nebligen Morgen auf den Markt geschickt, um einen Fisch zu besorgen. Kasperl stößt auf den Rundfunksprecher Maulschmidt, der Kasperl, den „Freund der Kinder“, sogleich mit ins Studio mitnimmt. Als Maulschmidt kurz den Raum verlässt, nutzt dieser die Gelegenheit und schickt seinem Freund Seppel via Mikrofon eine Schimpftirade. Maulschmidt ist entsetzt, dass Kasperl das Radio derart missbraucht. Kasperl haut ab und eine wilde Verfolgungsjagd beginnt: über den Bahnhof, den Jahrmarkt, vorbei am Karussell, am Wahrsager Lipsuslapsus, an der Schießbude, bis die ganze Bagage schließlich im Zoo anlangt. Kasperl lockt seine Verfolger in den Löwenkäfig. Als er siegessicher im Taxi auf dem Weg nach Hause sitzt, passiert ein Unfall. Kasperl erwacht in seinem Bett mit gebrochenem Bein, Maulschmidt ist zufrieden: Er hat die ganze Verfolgung aufgezeichnet und ist so schließlich doch noch zu einer spektakulären Sendung gekommen. Kasperl und Puschi werden mit 1.000 Mark für ihre „Leistung“ entlohnt.

Die Berliner Inszenierung bzw. Verspielung des Hörstücks macht das Hörbare sichtbar und dies mit einfachsten Mitteln. In einer drehbaren Guckkastenbühne, über der „Auf Sendung“ steht, sieht man die Schauspieler tuten, laufen, steppen, schießen und lachen. Sie erzeugen alle Geräusche live, sprechen in einem veralteten Deutsch und spielen mehrere Rollen. In die Theateradaption integriert werden Teile des erhaltenen Tonfragments der Kölner Sendung vom September 1932.

„Radau“ macht unglaublich Spaß anzusehen – und es ist natürlich auch beeindruckend, ein so lustiges Tonmaterial von Walter Benjamin zu hören.