Radau

Wird ein Plastikeimer mit viel Blechbesteck ordentlich geschüttelt, dann macht das Krach. Stampft man fest auf den Boden und atmet dazu schwer, ist sofort klar, dass es jemand eilig hat. Fallen dazu Schüsse und ertönt das quietschende Geräusch eines sich entleerenden Luftballons, dann ist endlich klar, dass es sich um eine Verfolgungsjagd handelt.

Radau (c)Christian Brachwitz

Radau (c)Christian Brachwitz

Das alles hört man – man kann es aber auch sehen! Und so sind alle 90 Augenpaare im ausverkauften Theater an der Parkaue geöffnet und sehen neugierig auf die gelungene Bühnenadaption eines Hörstücks von Walter Benjamin – mit falschen Hunden und echten Schauspielern, die richtig Krach und Geräusche machen, eben Radau!

„Radau um Kasperl“ hieß das Hörspiel von Benjamin aus dem Jahr 1932, das einzige, von dem noch Tonfragmente erhalten sind.  Es geht um Kasperl, der von seiner Frau Puschi im frühen, nebligen Morgen auf den Markt geschickt, um einen Fisch zu besorgen. Kasperl stößt auf den Rundfunksprecher Maulschmidt, der Kasperl, den „Freund der Kinder“, sogleich mit ins Studio mitnimmt. Als Maulschmidt kurz den Raum verlässt, nutzt dieser die Gelegenheit und schickt seinem Freund Seppel via Mikrofon eine Schimpftirade. Maulschmidt ist entsetzt, dass Kasperl das Radio derart missbraucht. Kasperl haut ab und eine wilde Verfolgungsjagd beginnt: über den Bahnhof, den Jahrmarkt, vorbei am Karussell, am Wahrsager Lipsuslapsus, an der Schießbude, bis die ganze Bagage schließlich im Zoo anlangt. Kasperl lockt seine Verfolger in den Löwenkäfig. Als er siegessicher im Taxi auf dem Weg nach Hause sitzt, passiert ein Unfall. Kasperl erwacht in seinem Bett mit gebrochenem Bein, Maulschmidt ist zufrieden: Er hat die ganze Verfolgung aufgezeichnet und ist so schließlich doch noch zu einer spektakulären Sendung gekommen. Kasperl und Puschi werden mit 1.000 Mark für ihre „Leistung“ entlohnt.

Die Berliner Inszenierung bzw. Verspielung des Hörstücks macht das Hörbare sichtbar und dies mit einfachsten Mitteln. In einer drehbaren Guckkastenbühne, über der „Auf Sendung“ steht, sieht man die Schauspieler tuten, laufen, steppen, schießen und lachen. Sie erzeugen alle Geräusche live, sprechen in einem veralteten Deutsch und spielen mehrere Rollen. In die Theateradaption integriert werden Teile des erhaltenen Tonfragments der Kölner Sendung vom September 1932.

„Radau“ macht unglaublich Spaß anzusehen – und es ist natürlich auch beeindruckend, ein so lustiges Tonmaterial von Walter Benjamin zu hören.

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