rhizom blog verdankt seinen Namen den beiden französischen Philosophen Gilles Deleuze und Felix Guattari. Ihre Vorgehensweise war es, Phänomene nicht hierarchisch sondern durch Querverweise auf andere Disziplinen und Wissensdomäne zu erklären und interne Verknüpfungen und Verbindungslinien herzustellen. Diese Methode ist der Ausgangspunkt für die Themenwahl dieses Blogs: Wo taucht etwas auf, was hat das eine mit dem anderen zu tun, warum interessiert sich jemand hier wie dort für das Gleiche oder warum nicht? „Ein Rhizom kann an jeder beliebigen Stelle gebrochen und zerstört werden, es wuchert entlang seiner eigenen oder anderen Linien weiter.“ (Gilles Deleuze, Félix Guattari: Rhizom, Berlin: Merve 1977, frz. Original Paris 1976)

BEGRIFFSWOLKE
Im Jahr 1980 erscheint ihr zweites gemeinsames Buch mit weiterführenden Gedanken „Mille Plateaux. Capitalisme et schizophrénie“. Das Cover der französischen Ausgabe ist schlicht: Verfasser und Titel. Erst die deutsche Übersetzung macht mit einem Blick auf den Buchumschlag klar, worum es ihnen geht. Die Mitverlegerin und feinsinnige Grafikerin Heidi Paris entwickelt für das Cover von Tausend Plateaus. Kapitalismus und Schizophrenie (Berlin: Merve 1992) eine kongeniale „Begriffswolke“, deren Vorläufer man in der konkreten Poesie vermuten kann. Eine Absprache mit den Autoren gab es nicht, das gegenseitige Vertrauen war groß genug, dass für den Inhalt schon ein passendes Umschlagmotiv gefunden werde. Unmittelbar findet das Motiv keine Fortsetzung – auch nicht bei Paris selbst –, höchstens als Zitat, beispielsweise auf dem Umschlag von Heft 3 (1996) der Mainzer Musikzeitschrift testcard.

BÖHMEWOLKE
Dieser Tage saß rhizom blog bei der Abschiedsvorlesung von Hartmut Böhme, seit 1993 Professor für Kulturwissenschaft der HU Berlin. Und da war sie wieder, die Begriffswolke.
Die Metapher des Rhizoms scheint vielen modernen Medientheoretikern geeignet, Strukturen von Hypertexten, sozialen Netzwerken oder Computernetzen zu beschreiben. So hat die von Heidi Paris 1992 erfundene Wolke zehn Jahre später als „tag cloud“ Eingang ins Internet gefunden. Und taucht eben auch hier Unter den Linden auf, weil sie als perfekte Inhaltsangabe des bald emeritierten Professors dienen kann, indem sie auf einen Blick klar stellt, welche Wissensbereiche ihn (nicht) interessiert hatten. Zur Herstellung dieser Wolke gibt es mittlerweile ein Werkzeug, den Tag-Cloud-Generator. Den hat Böhmes Kollege Christian Kassung in Vorbereitung seiner Danksagung angeworfen und ihn mit Titeln aller gehaltenen Seminare und Vorlesungen von Hartmut Böhme gefüttert. Es entstand die Böhmewolke.

SCHLAGWORTWOLKE
Auf einer Fläche zeigt die Schlagwortwolke (engl.: tag cloud) oft alphabetisch sortierte Begriffe an, wobei einzelne unterschiedlich gewichtete Wörter größer oder auf andere Weise hervorgehoben dargestellt werden. Die Wolke kann so zwei Ordnungsdimensionen (die alphabetische Sortierung und die Gewichtung) gleichzeitig darstellen und auf einen Blick erfassbar machen und entwickelte sich zur Inhalts-Erkennungshilfe im Web.

Eine gut gefüllte Schlagwortwolke ist also eine feine Sache. Dennoch verzichten Blogger zunehmend darauf sie ins Endlose wachsen zu lassen, denn das verhindert, im Netz präzise und schnell gefunden zu werden. Der Bloggende möchte bei Google ja nicht nur an oberster Stelle stehen, er will auch auf einen Blick zu erkennen geben, was auf seinem Blog verhandelt wird.

Nicht nur bei Blogs geht es um rasche Orientierungshilfe, sondern Institutionen haben ebenfalls großes Interesse, auf ihrer Netzvertretung sofort über Inhalte und Ausrichtung zu informieren. Drum findet man auch hier mehr und mehr eine schlichte Wolke.

= PORTRAIT
Hatte ein klassisches Portrait früher noch Augen, Mund und Nase, so legt die tag cloud gleich den Kortex frei und man schaut direkt ins Sprachzentrum. Oder anders gesagt: Heidi Paris hat 1992 mit der kongenialen Visualisierung eines komplexen Buchinhalts den Weg ins Innere des Buches geebnet, auch den der Wolke ins Internet. Visionär.

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Berlin, Juni 2012. Die Humboldt-Box wird mit Beton aufgefüllt. rhizom blog wünscht gutes Gelingen und ist zuversichtlich, dass der Beton, der bei normalen Temperatur- und Feuchtigkeitsbedingungen in ca. 28 Tagen die Normfestigkeit erreicht hat, nach der Sommerpause getrocknet ist. Dann kann die Fassade der Humboldt-Box abgeschlagen werden. War doch eh nur temporär.

Ungefähr die gleiche Menge Theater, die Frank Castorf im Laufe der vergangenen Jahre an Text- und Stundenmaterial aus Dostojewski-Romanen herausgesaugt und in die Theaterwelt geschickt hat, packt Matthias Lilienthal aka HAU jetzt in eine einzige Aufführung: 24 Stunden dauert die Inszenierung des Romans „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace.

Doch 24 Stunden sind kein Tag. Die Struktur eines Tages wird zerdehnt. Die Dramaturgie Dostojewskis weicht dem Dauerzustand bei Foster Wallace.

 Aus dem 1.545-seitigen Roman (inklusive Anmerkungen und Errata) haben die Dramaturginnen Kathrin Veser und Johanna Höhmann einige Schnipsel herausgeschnitten und diese dreizehn verschiedenen Regisseuren, Schauspielern, Videokünstlern, Choreografen, Performancegruppen, Musiker u. a. zur Bearbeitung überlassen. Die raumlabor-Experten haben acht moderne Ruinen des alten West-Berlin ausgewählt und zu Spielstätten verwandelt. Für das Dazwischen wurden historische Doppeldeckerbusse der BVG rekrutiert. Vollbesetzt fahren sie vierundzwanzig Stunden (von 9.30 bis 9.30 Uhr) durch die Stadt an eben jene Orte einer utopischen Vergangenheit. Der Tennisverein, die Spionageanlage, die Großküche, der Umlauftank, das Kulturzentrum, der Saloon, das Finanzamt. Als letztes landet man wieder im Theater, im HAU1. Hier wird nicht mehr gespielt, hier wird nur mehr vorgelesen. Nach 21 Stunden Aufführung  die ultimative Steigerung des Theatralischen. Hier platzt das Hirn.

Diese Möglichkeit, den Überroman auf die Bühne zu bringen (für den zwischenrein per Skype zugeschalteten „Infinite Jest“-Übersetzer Ulrich Blumbach die einzig adäquate), wird die neue Referenz eines entgrenzten Theaters werden. Sie lässt den Zuschauer körperlich zertrümmert zurück. Aber mit dem sicheren Gefühl, einer Klassenfahrt der S-Klasse beigewohnt zu sein, dem Rausch einer durch das Theater entgrenzten Wirklichkeitserfahrung. Eine Skizze für ein zukünftiges DFW-Festival.

Die Goldene Palme, die Berlinale, zum Greifen nah. Alle Zeichen sprechen für einen 3D-Film, eine Dokumentation. So wie es Wenders und Herzog vorgemacht haben. Japanische Aktivisten verschaffen sich zutritt zu Pavillon F, dem havarierten Reaktor in Fukushima. Sie erzeugen ungeahnte Bilder. Sie lassen Unsichtbares sichtbar werden. Und sie werden fündig: eine Zeitkapsel, die bei der Weltausstellung in Osaka versteckt wurde, taucht auf. Nicht nach 5000 Jahren, wie beabsichtigt, sondern heute. Zu sehen in Berlin, bei der Weltausstellung auf der Tempelhofer Freiheit: The World Is Not Fair.

Remdoogo
Ein Operndorf zu bauen, das ist das letzte Projekt von Christoph Schlingensief. Er hat es im Mai 2009 begonnen, nach der Heilung seiner ersten Erkrankung an Lungenkrebs. Der Ort sollte in Afrika sein. Die Journalistin Sybille Dahrendorf, die schon vorher Fernsehbeiträge über Schlingensief gemacht hatte, war von Beginn an und bei jeder Reise nach Afrika mit dabei. So konnte sie schon die Suche nach einem geeigneten Standort dokumentieren, und das Glück, auf einer einsam gelegenen Anhöhe 40 km außerhalb von der Hauptstadt Ouagadougou in Burkina Faso einen passenden Platz gefunden zu haben. Es folgen die Planungen, die Grundstein-Legung, die gedehnte Zeit, bis die ersten Häuser sichtbar sind. Es sollte ein Film darüber werden, wie Schlingensief der Krankheit mit Kunst begegnet, wie man durch Kunst geheilt werden kann. Davon handelt der Film, und auch davon, dass die Kunst heilt, und doch die Krankheit gewinnt. Im August 2010 stirbt Christoph Schlingensief. Die Arbeiten stehen still. Ein halbes Jahr später werden sie wieder aufgenommen. Aino Laberenz, Schlingensiefs Frau, führt das Projekt fort. Im Film wird sie eingeführt, als sie bei der Eröffnung des Schulgebäudes im Oktober 2011 die Rede hält.

Steadycam und Wackelkamera 
Dahrendorf verwendet für ihren Film „Knistern der Zeit“ hauptsächlich ihr eigenes professionelles Filmmaterial. Aber sie konnte auch Sequenzen von Schlingensiefs Filmaufnahmen integrieren – Selbstportraits, Schwenks über die weite Landschaft oder eine lange, wackelige Kamerafahrt aus dem Auto. Da ist diese Szene, das Zentrum des Films, vielleicht ein Zentrum von Schlingensiefs Kunst: mitten in Burkina Faso auf staubiger Piste filmt er eine Kolonne von LKWs mit Übersee-Containern drauf. Darin eine komplette Theaterbühne, die Keimzelle des zukünftigen Operndorfes. Und plötzlich das Fragment eines Autobahnkreuzes, die Kolonne geht in die Kurve, alle LKWs mit ihren Containern schleifen vor dem dahinter fahrenden Begleitfahrzeug in die Rechtskurve. Schlingensief kommentiert die Szene, er weiß, was er da vor sich sieht. Es ist Spiral Jetty, es ist Fitzcaraldo, es ist situationistische Praxis. Mehr geht kaum.

Der rüttelte immer alles
Das Medium Film war für Schlingensief zuletzt ein Mittel unter vielen geworden. Er hat es in seine Installationen, seine Inszenierungen eingebaut. Aber das Medium als solches schien ihn einzuengen. Sein letzter Film „The African Twintowers“ blieb Fragment.
Er war nicht der Künstler, der leicht in Kategorien einzuordnen ist. Es gibt Zuschreibungen, er sei ein Film-, Theater- und Opernregisseur, Autor, Aktionskünstler und Talkmaster. Er hat mit den Kunstsparten gearbeitet, und gleichzeitig dagegen angespielt. Der Architekt des Operndorfs Diébédo Francis Keré, neben Aino Laberenz der wichtigste Protagonist des Projekts, formuliert das zu Beginn des Films so: „Der rüttelte alles immer. Er rüttelte, er musste alles verrühren…. Ja, das war Christoph.“
Der Film zeigt einen Großteil von Schlingensiefs Facetten. Er ist ein zentrales Dokument über das Operndorf-Projekt. Und zugleich läßt einen das Gefühl nicht los, dass da noch mehr ist.
Vielleicht ist es das Wissen, dass es bei Schlingensief immer ein Weiterarbeiten gab, das einen unruhig macht. Man möchte die Fortsetzung erleben, man möchte mehr, man möchte das komplette Rohmaterial sehen. (Nikolai von Rosen, Barbara Schindler)

Knistern der Zeit. Christoph Schlingensief und sein Operndorf in Burkina Faso. Ein Film von Sibylle Dahrendorf mit Christoph Schlingensief, Diébédo Francis Kéré, Aino Laberenz, dem Via Intolleranza – Ensemble und anderen Mitstreitern.


Der bundesweite Kinostart am 7. Juni 2012 wird von einer Theatertour mit Sibylle Dahrendorf (Aino Laberenz, Diébédo Francis Kéré u.a.) in folgenden Städten begleitet, in welchen der Film am darauf folgenden Donnerstag startet:
Kampnagel Hamburg, 2. Juni
Theater Freiburg, 3. Juni
Schauspiel Leipzig, 6. Juni
Theaterhaus Stuttgart, 10. Juni
Kammerspiele München, 11. Juni
Schauspielhaus Bochum, 12. Juni
Staatsschauspiel Dresden, 15. Juni
Theater Bonn, 20. Juni


Viele Jahre hatten die Bewohner eines Münchner Hauses kaum einen Blick übrig für den heiligen Sankt Georg, der in ihrem Treppenhaus so tapfer gegen den Drachen kämpft. Weil das Haus renoviert werden muss, ist es für ein paar Monate von allen Menschen verlassen. Der Heilige Georg aber und sein Pferd sind zurückgeblieben. Im Schutze einer Plastikfolie, aus der Zeit gefallen, kämpfen sie weiter gegen den Drachen. Im Juli wollen die Bewohner zurückkehren. 

Jetzt auch in München: Heute um 18 Uhr schlägt eine Anti-Gentrifizierungs-Guerilla-Gruppe in München zu. Getarnt als Goldgrund Immobilien Organisation mit eigener Webseite, Salesangeboten auf Immoscout und sozial-medial vernetzt. Zum Start ihres Münchner Büros in Schwabing ein Sektempfang. Alles scheint möglich: Compact Communities, Doorman-Service, Double-Carport und flotte Grundrisse. Was soll man da noch diskutieren: Beiträge zum Erhalt des Mietwohnungsmarktes und lebenswerter Wohnviertel, Angebote von guten Wohnstandard zu verträglichen Mietpreisen, Erhalt und Förderung von gewachsenen Hausgemeinschaften?

Die Gespräche makeln Christian von Borries (Kulturkritiker, Komponist, Künstler), Marina Dietweger (Kommunikation, GIMA Genossenschaftliche Immobilienagentur München) und Max Ott (Assistent am Lehrstuhl für Städtebau und Regionalplanung, TU München). Initiiert von der Goldgrund Family Till Hofmann, Grisi Ganzer, Alex Rühle, Martin Schmöller. rhizom blog wünscht viel Erfolg!

Hier noch zur Erinnerung ein Link zu einem ähnlichem Ereignis in Berlin anno 2011.