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Zeitgenössische Festivals für Theater, Kunst, Performance, Tanz reflektieren das, was uns alle beschäftigt, nämlich die Bereitschaft, Paradigmenwechsel des Selbstverständnisses als Handlungen weiter zu denken. Zur Sichtbarmachung dieser komplexen Zusammenhänge bitten die künstlerischen Leiter meist Architekten, ein entsprechendes Bild zu schaffen, damit auf einen Blick klar wird, was auf den Bühnen Thema ist.

Im letzten Herbst fanden zwei Festivals sehr ähnliche Bildmotive bzw. Architekturmodelle. Sowohl in Graz beim steirischen herbst als auch in Berlin (Foreign Affairs) wurden Häuser gebaut, deren Baumaterial recycelt war und zum überwiegenden Teil aus alten, ausrangierten Fensterrahmen inkl. Gläsern bestand, die wiederum zu Bausteinen für ein neues Gebäude wurden. Die Verantwortlichen waren Kyohei Sakaguchi (Berlin) und raumlabor (Graz).

Das mehrstöckige Grazer Haus wickelte sich um ein Baugerüst herum, in Berlin blieb man ebenerdig, rollbar und um einen alten Baum herumgebaut. In beiden konnte gewohnt werden – das steirische Camp diente für eine Woche als Marathonformat den vielen Beteiligten als Denk-, Schlaf- und Wohnmaschine, der im Berliner Häuschen campierende Künstler spielte von 11 bis 23 Uhr live Klavier, den Rest der Zeit konnte er dort schlafen.

Mobile House  Anke Schuettler

Die für Foreign Affairs errichtete fünfteilige Wohneinheit aus Sperrholz mit Geschichte ist Sinnbild für die mobile, global-aktive Gesellschaft. „Wenn wir über Architektur reden wollen, sollten wir vorher eine Camp-Situation erlebt haben – ohne Dach, ohne Wände“. Ausgehend von dieser Idee des Recyclings, für das Kyohei Sakaguchi viele Häuser von Obdachlosen (Zero Yen Houses) in Japan in den 2000-Jahren untersucht hat, entwickelte er auch in Berlin das Prinzip der Beweglichkeit weiter.

Der steirische herbst erklärte die Architektur für das Festivalzentrum so: „Bauen in einer Zeit, in der das Erdzeitalter des Holozän längst vom menschengemachten Anthropozän abgelöst ist, da die Sedimente unseres Zivilisationsmülls die der Natur um ein Vielfaches übersteigen, heißt für raumlaborberlin, mit Materialien zu bauen, die nicht neu produziert werden müssen. Mit Material, das zur Wiederverwendung gedacht ist, oder mit Dingen, die am Ende ihres Verwertungszyklus angekommen sind. Bauen für Inhalte.“

(Fast) Am Ende des Verwertungszyklus war dann auch dieser Ochse, den raumlabor für das Anthropozän-Projekt am Haus der Kulturen der Welt inszenierte und der ein perfektes Bild abgab:

Ochse_raumlabor J.Häntzschel

Zur Versinnbildlichung der These, dass der Mensch endgültig Chef über die Natur geworden ist, hatten sie einen ganzen Ochsen verwendet: weit entfernt vom hungrigen Festivalbesucher wurde er über dem Spieß gebraten, um nach einer Stunde der Verarbeitung erkaltet, püriert und im Glas verpackt beim Gast anzukommen. Der stellte das Fleisch im Glas in die Mikrowelle, die es zum endlichen Verzehr mit Messer und Gabel wieder erwärmte. Das Verhältnis vom Mensch zum Tier erscheint als Schleife der Entbildlichung. Daraus drängt sich heute die Konsequenz auf, kein Fleisch zu essen.

Das ist schon mal ein Schritt. Welche weiteren Konsequenzen aus den Festival-Bildern zum Thema Ressourcenknappheit, alternative Lebenskonzepte, Globalisierung oder ökologischer Fußabdruck resultieren, darüber könnte man eine Besucherumfrage starten. Vielleicht beim nächsten Festival. Foreign Affairs geht ja bald in die 2. Runde. Und Harald Welzer kommt hoffentlich ein 2. Mal.

Jetzt auch in München: Heute um 18 Uhr schlägt eine Anti-Gentrifizierungs-Guerilla-Gruppe in München zu. Getarnt als Goldgrund Immobilien Organisation mit eigener Webseite, Salesangeboten auf Immoscout und sozial-medial vernetzt. Zum Start ihres Münchner Büros in Schwabing ein Sektempfang. Alles scheint möglich: Compact Communities, Doorman-Service, Double-Carport und flotte Grundrisse. Was soll man da noch diskutieren: Beiträge zum Erhalt des Mietwohnungsmarktes und lebenswerter Wohnviertel, Angebote von guten Wohnstandard zu verträglichen Mietpreisen, Erhalt und Förderung von gewachsenen Hausgemeinschaften?

Die Gespräche makeln Christian von Borries (Kulturkritiker, Komponist, Künstler), Marina Dietweger (Kommunikation, GIMA Genossenschaftliche Immobilienagentur München) und Max Ott (Assistent am Lehrstuhl für Städtebau und Regionalplanung, TU München). Initiiert von der Goldgrund Family Till Hofmann, Grisi Ganzer, Alex Rühle, Martin Schmöller. rhizom blog wünscht viel Erfolg!

Hier noch zur Erinnerung ein Link zu einem ähnlichem Ereignis in Berlin anno 2011.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Tempelhofer Feld ist eine Baustelle. Kräne und Absperrgitter stehen herum. Verteilt über das leere Flughafenareal kann man ungewöhnliche, rohe Holzkonstrukte entdecken – in der Nähe des Rosinenbombers, auf der Wetterstation, neben anderen mit Wellblech verkleideten Türmen oder versteckt zwischen Ahorn-Wäldchen. Konzentriert dreinblickende Handwerker streifen an nummerierten Holzplatten entlang, die vor ihnen ausgebreitet auf der Wiese liegen und überlegen den Aufbau. Manche Bauten stehen bereits, fachmännisch zusammengefügt von 1 bis 2 Zimmerleuten.

Es sind Häuser, die der Architekt Florian Köhl im August 2011 für das Festival Über Lebenskunst im Haus der Kulturen der Welt produziert hatte. Die Häuser für dieses Festival zum Thema Nachhaltigkeit wurden mit dem Wunsch entwickelt, daß sie weitere Verwendung finden – dafür wurde der Verein „Instant City“ gegründet, der die Häuser betreut. Damals hießen sie IMBAUEINBAU. Jetzt müsste man sie wohl in FREIBAUNEUBAU umbenennen.

Verantwortlich für den ersten Wiederaufbau auf dem ehemaligen Flugfeld ist das Architektenkollektiv raumlabor, das gemeinsam mit dem Hebbel Theater (HAU) eine dreiwöchige Weltausstellung im Juni ausrichtet. Mit der Freirauminstallation nimmt der HAU-Intendant Matthias Lilienthal seinen Hut.

„The World Is Not Fair -Die Grosse Weltausstellung 2012“ fügt sich in das Konzept der von raumlabor betriebenen Ideenwerkstatt Tempelhof, das die Aktivierung des Standorts durch Pioniernutzungen und kulturelle Initiativen mit langfristigen städtebaulichen Entwicklungskonzepten verknüpft und als integrativer Bestandteil des gesamten Entwicklungsprozesses versteht.

rhizom blog war vor Ort und hat erste Ergebnisse dokumentiert.

„Geteilte Autorschaft“ war übrigens das Thema, unter das Florian Köhl sein erstes Haus mit einer Baugruppe in Berlin entwickelt hat. Ein Artikel mit gleichlautendem Titel erschien in der Zeitschrift ARCH+ im März 2011 (ARCH+ 201/202 Berlin, März 2011, S. 114ff. http://www.archplus.net/ausgabe/201/202/