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Ungefähr die gleiche Menge Theater, die Frank Castorf im Laufe der vergangenen Jahre an Text- und Stundenmaterial aus Dostojewski-Romanen herausgesaugt und in die Theaterwelt geschickt hat, packt Matthias Lilienthal aka HAU jetzt in eine einzige Aufführung: 24 Stunden dauert die Inszenierung des Romans „Unendlicher Spaß“ von David Foster Wallace.

Doch 24 Stunden sind kein Tag. Die Struktur eines Tages wird zerdehnt. Die Dramaturgie Dostojewskis weicht dem Dauerzustand bei Foster Wallace.

 Aus dem 1.545-seitigen Roman (inklusive Anmerkungen und Errata) haben die Dramaturginnen Kathrin Veser und Johanna Höhmann einige Schnipsel herausgeschnitten und diese dreizehn verschiedenen Regisseuren, Schauspielern, Videokünstlern, Choreografen, Performancegruppen, Musiker u. a. zur Bearbeitung überlassen. Die raumlabor-Experten haben acht moderne Ruinen des alten West-Berlin ausgewählt und zu Spielstätten verwandelt. Für das Dazwischen wurden historische Doppeldeckerbusse der BVG rekrutiert. Vollbesetzt fahren sie vierundzwanzig Stunden (von 9.30 bis 9.30 Uhr) durch die Stadt an eben jene Orte einer utopischen Vergangenheit. Der Tennisverein, die Spionageanlage, die Großküche, der Umlauftank, das Kulturzentrum, der Saloon, das Finanzamt. Als letztes landet man wieder im Theater, im HAU1. Hier wird nicht mehr gespielt, hier wird nur mehr vorgelesen. Nach 21 Stunden Aufführung  die ultimative Steigerung des Theatralischen. Hier platzt das Hirn.

Diese Möglichkeit, den Überroman auf die Bühne zu bringen (für den zwischenrein per Skype zugeschalteten „Infinite Jest“-Übersetzer Ulrich Blumbach die einzig adäquate), wird die neue Referenz eines entgrenzten Theaters werden. Sie lässt den Zuschauer körperlich zertrümmert zurück. Aber mit dem sicheren Gefühl, einer Klassenfahrt der S-Klasse beigewohnt zu sein, dem Rausch einer durch das Theater entgrenzten Wirklichkeitserfahrung. Eine Skizze für ein zukünftiges DFW-Festival.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Das Tempelhofer Feld ist eine Baustelle. Kräne und Absperrgitter stehen herum. Verteilt über das leere Flughafenareal kann man ungewöhnliche, rohe Holzkonstrukte entdecken – in der Nähe des Rosinenbombers, auf der Wetterstation, neben anderen mit Wellblech verkleideten Türmen oder versteckt zwischen Ahorn-Wäldchen. Konzentriert dreinblickende Handwerker streifen an nummerierten Holzplatten entlang, die vor ihnen ausgebreitet auf der Wiese liegen und überlegen den Aufbau. Manche Bauten stehen bereits, fachmännisch zusammengefügt von 1 bis 2 Zimmerleuten.

Es sind Häuser, die der Architekt Florian Köhl im August 2011 für das Festival Über Lebenskunst im Haus der Kulturen der Welt produziert hatte. Die Häuser für dieses Festival zum Thema Nachhaltigkeit wurden mit dem Wunsch entwickelt, daß sie weitere Verwendung finden – dafür wurde der Verein „Instant City“ gegründet, der die Häuser betreut. Damals hießen sie IMBAUEINBAU. Jetzt müsste man sie wohl in FREIBAUNEUBAU umbenennen.

Verantwortlich für den ersten Wiederaufbau auf dem ehemaligen Flugfeld ist das Architektenkollektiv raumlabor, das gemeinsam mit dem Hebbel Theater (HAU) eine dreiwöchige Weltausstellung im Juni ausrichtet. Mit der Freirauminstallation nimmt der HAU-Intendant Matthias Lilienthal seinen Hut.

„The World Is Not Fair -Die Grosse Weltausstellung 2012“ fügt sich in das Konzept der von raumlabor betriebenen Ideenwerkstatt Tempelhof, das die Aktivierung des Standorts durch Pioniernutzungen und kulturelle Initiativen mit langfristigen städtebaulichen Entwicklungskonzepten verknüpft und als integrativer Bestandteil des gesamten Entwicklungsprozesses versteht.

rhizom blog war vor Ort und hat erste Ergebnisse dokumentiert.

„Geteilte Autorschaft“ war übrigens das Thema, unter das Florian Köhl sein erstes Haus mit einer Baugruppe in Berlin entwickelt hat. Ein Artikel mit gleichlautendem Titel erschien in der Zeitschrift ARCH+ im März 2011 (ARCH+ 201/202 Berlin, März 2011, S. 114ff. http://www.archplus.net/ausgabe/201/202/